Schatz der Südalpen - Bergsteigerdorf Paularo

Bergauf 4.2022

Touristisch ist die Gegend noch wenig entwickelt. Umso reizvoller sind die Wanderungen und Klettertouren zu allen Jahreszeiten. Wie in allen anderen Bergsteigerdörfern beginnt die Faszination im Dorf selbst.

Ein stolzes, traditionsbewusstes und naturnahes Volk lebt an den Südhängen des Karnischen Hauptkammes. Hier spricht man Italienisch, Deutsch und vor allem Friulano: „Sin Cjargnei sin di Paulâr“ („Wir sind aus Carnia, wir sind aus Paularo“), tönt es immer wieder durch den Ort. Rund die Hälfte des Gemeindegebietes steht unter Naturschutz und bietet der heimischen Fauna und Flora einen idealen Lebens- und Rückzugsraum, den es behutsam zu entwickeln gilt.

Oft wird in Paularo vom Geheimnis eines großen Schatzes erzählt und davon, dass
dieser in der Höhle des Attila am Lanzenpass oder in einem der dunklen Keller der
monumentalen Palazzi des Ortes versteckt sei. Gefunden wurde er bis heute noch nicht. Oder doch? Erklimmt man nämlich die 127 Stufen zur Pfarrkirche der Heiligen Vito, Modesto und Crescenzia hinauf, erblickt man den wahren Schatz: eine intakte alpine Landschaft, sorgfältig bewahrt und diskret in ihrer zarten Schönheit.

Vom Val But kommend steigt der flache Talboden leicht in Richtung des Hauptortes
an, ausgedehnte Wälder und weite Almflächen sind der Übergang zu sanften Bergrücken und schroffen Kalkwänden, die sich auf engstem Raum gegenüber­stehen. Paularo liegt auf 648 m Seehöhe und ist von zahlreichen Bergen umgeben, der höchste davon der Spicca la Creta di Aip (2.279 m).

Faszination Dorf

Wald und Holz haben das Leben und Arbeiten im Val d’Incarojo über die Jahrhunderte geprägt. Lebensart, Tradition und Kultur werden in mehreren Museumssammlungen liebevoll bewahrt und präsentiert, wie zum Beispiel im Ökomuseum „I Mistris“, der Sammlung „Mozartina“ oder der Kostüme- und Maskensammlung Maskensammlung „Ravinis“. Damit konnte Paularo das internationale Auswahlkomitee auch beeindrucken und überzeugen.

Touristisch ist die Gegend noch wenig entwickelt. Umso reizvoller sind die Wanderungen und Klettertouren zu allen Jahreszeiten. Wie in allen anderen Bergsteigerdörfern beginnt die Faszination im Dorf selbst. Man geht vorbei an herrlich vielfärbigen Steinmauern, welche die hohe Handwerkskunst und regionstypische Materialwahl eindrucksvoll widerspiegeln. Dazwischen immer wieder eindrucksvolle Palazzi im venezianischen Stil, die auf die ehemals enge forstwirtschaftliche Verbindung zur Lagunenstadt hindeuten.

Eine überschaubare Anzahl von Hütten und Almen umspannt das Gemeindegebiet.
Mitten im GeoPark Karnische Alpen liegt beispielsweise das Rifugio Pietro Fabiani auf 1.539 m, wo Hüttenwirt Nino seine Gäste nicht nur mit regionstypischen
Köstlichkeiten verpflegt, sondern regelmäßig kleine, feine Musikfeste organisiert.
Die Geotrails rund um den Zollnersee (Lago di Salderies) sind mit Infotafeln gut beschildert und als Rundwege in reizvoller Hügellandschaft auch ideal für Familien mit Kindern. Grenzüberschreitende Besuche bei den Nachbarn auf der Zollnerseehütte des Österreichischen Alpenvereins sind natürlich Pflicht.

Ein alpinistisches Highlight von Paularo ist der Monte Sernio. Im 19. Jahrhundert
galt der Sernio (2.187 m) als unbezwingbar, doch Anna und Giacoma Grassi, zwei
mutige und bergbegeisterte Schwestern aus Tolmezzo, trotzten den Felsen und
Vorurteilen und erreichten am 21. August 1879 den Gipfel. Eine der ersten großen
bergsteigerischen Leistungen von Frauen in Friaul, weshalb der Sernio heute noch
als der „Berg der Frauen“ bezeichnet wird.

Wer sich auf kulinarische Entdeckungsreisen begibt, ist bei den zahlreichen Almkäsereien auf italienischer und österreichischer Seite genau richtig: Frigga und
„Kasnudln“ in Kärnten, Cjarsons im Friaul. Der Überlieferung nach gibt es die Cjarsons schon seit hunderten Jahren. Venezianische Händler überquerten ab 1.200 n. Chr. die Alpenpässe und hatten jede Menge neuartiger Gewürze im Gepäck. Die einheimischen Frauen waren von den Geschmacksrichtungen begeistert und verarbeiteten die Gewürze ganz nach ihrer Bergmentalität „no si drawe vie nuje“ (ja nichts verschwenden) mit ihrem regionstypischen Gnocchi-Teig. Gefüllt werden die Cjarsons mit Kakao, Rosinen, Zimt und Ricotta.

Senza confine

„Ohne Grenzen“ ist für die Menschen dies und jenseits der Karnischen Alpen ein tief verinnerlichtes Lebensmotto. Geläutert von den Wirren des Ersten Weltkriegs begrüßt man Paularo nun in aller Freundschaft als viertes Bergsteigerdorf der Karnischen Alpen und als 36. internationales Bergsteigerdorf entlang des gesamten Alpenbogens.

Es sind die langjährigen Freundschaften und guten Beziehungen über die Bergrücken hinweg, die das Engagement Paularos mit angefeuert haben. Wir kennen einander durch grenzüberschreitende Projekte, unzählige Wanderungen, gemeinsame Bergrettungsübungen, gegenseitige Besuche und die alljährliche Almkäse­prämierung.

Bürgermeister Marco Clama, Onorio Zanier (CAI Ravascletto) und alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, dass die Auszeichnung „Bergsteigerdorf“ mit Leben befüllt werden muss und erst der Beginn einer langen Reise ist. Als Nachbarn freuen wir uns, gemeinsam die passenden Entwicklungen zu planen und umzusetzen – für unsere alpine Region, für die Südalpen, für Einheimische und Gäste. Ganz im Sinn der Nachhaltigkeit, wie Francesco Carrer (CAI) in seiner Ansprache betonte (siehe nebendstehenden PDF-Download). Es geht um die selbstauferlegte Verpflichtung, mit sorgfältigen Entscheidungen in die Zukunft zu investieren, Vergangenes zu bewahren, Neues respektvoll entstehen zu lassen und stets die Umwelt zu respektieren. Es gilt einen Schatz zu bewahren und verantwortungsbewusst an künftige Generationen weiterzugeben.

Als Gegenleistung gibt es nicht nur den Mehrwert einer steigenden Bekanntheit
als Bergdestination in Alpenvereinskreisen mit über 2,5 Mio. Alpenvereins­mitgliedern. Der Ort ist Teil eines internationalen Netzwerk- und Ideenpools für alle kommunalen Themen wie Landwirtschaft, Nahversorgung, Verkehr und Bevölkerungsentwicklung. Herzlich willkommen Paularo, Mandi Paulâr!

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