Bergsteigerdörfer verbinden

Vom Engiadina Bassa ins Matscher Tal

Die Unterengadiner Dörfer Guarda, Ardez & Lavin und das Obervinschgauer Dorf Matsch verbindet vieles – das Rätoromanisch, die ursprüngliche Bergwelt und neu die erste länderübergreifende Mehrtagestour von Bergsteigerdorf zu Bergsteigerdorf.

Ideenschmiede für 6-tägige Weitwanderung war die Jahrestagung der Bergsteigerdörfer in Lungiarü. Dort lernten sich die Vertreter*innen der beiden Bergsteigerdörfer kennen: Karin Thöni, Referentin für Natur und Umwelt in der Ortsstelle Matsch sowie Hüttenwirtin auf der AVS-Oberetteshütte und Bio-Bäuerin Ramona Telser-Wille (beide Teil der lokalen, ehrenamtlichen Arbeitsgruppe Bergsteigerdorf Matsch) und Sven Berchtold, Produktmanager Bergsteigerdorf beim Tourismusverband Engadin Samnaun Val Müstair. Gemeinsam diskutierten die drei, wie eine mögliche Wanderung zwischen den zwei Bergsteigerdörfern aussehen könnte.

Gemeinsamkeiten stärken
Ziel der Weitwanderung ist es, die kulturellen und landschaftlichen Gemeinsamkeiten zwischen den Bergsteigerdörfern aufzuzeigen und in Wert zu setzen. Mit Unterstützung der Ferienregion Obervinschgau und Engadin Samnaun Val Müstair sowie Alpenverein Südtirol (AVS), Österreichischer Alpenverein (ÖAV) und Schweizer Alpen-Club (SAC), die zusammen mit ÖAV, DAV, CAI und PZS, Träger der alpenweiten Initiative Bergsteigerdörfer sind, wurde die Mehrtagestour von Bergsteigerdorf zu Bergsteigerdorf konzipiert: sechs Etappen zwischen gepflegten, ruhigen Bergdörfern am Fuße der Bergriesen Piz Buin und Weisskugel, mit Übernachtungen in drei Alpenvereinshütten und Entspannung bei kristallklaren Bergseen.

6 Etappen Genusswandern
Die länderüberschreitende, ca. 70 km lange Mehrtagestour spricht geübte Berggänger*innen an und kann sowohl individuell geplant als auch als Angebot gebucht werden. Drei Etappen auf Schweizer Seite führen von Guarda über die SAC-Hütte Chamonna Tuoi CAS, den Bergsee Lai Blau und zur Fuorcla Sesvenna. Auf Südtiroler Seite gelangen die Weitwandernden von der AVS-Sesvennahütte in weiteren drei Etappen ins Bergsteigerdorf Matsch, entlang dem Matscher Ackerwaal bis zur AVS-Oberetteshütte und zum landschaftlichen Höhepunkt: den Saldurseen.

Die verbindenden Elemente
Geschichtlich gesehen verbindet die Bergsteigerdörfer die Sprache. Denn die bäuerliche Bevölkerung im Unterengadin und im Obervinschgau hat lange Zeit dieselbe Sprache gesprochen: das „Rumantsch“. Als Erbe sind im Matscher Tal viele räto- oder alpenromanische Berg- und Flurnamen erhalten geblieben. Im Engiadina Bassa ist das Rumantsch Muttersprache und allgegenwärtig. Lavin, Guarda & Ardez, an den Sonnenhängen der Silvrettagruppe gelegen, beeindrucken mit den liebevoll restaurierten und mit Sgraffiti verzierten Engadinerhäusern und dem bekanntesten Engadiner Brauch, dem „Chalandamarz“. An diesem Tag wird der Winter ausgeläutet und der Frühling begrüßt, ähnlich wie in Matsch beim „Scheibenschlagen“ am ersten Fastensonntag im Jahr die warmen Frühlingsgeister.

Weitwanderung Schweizer Seite
Die Weitwanderung startet in Guarda: Hier ließ sich die Kinderbuchautorin Selina Chönz zu einer der bekanntesten Kindergeschichten der Schweiz inspirieren, der Geschichte vom „Schellen-Ursli“. Entlang der bewirtschafteten Wiesen wandert man durch das Val Tuoi zur SAC-Hütte Chamonna Tuoi (2.250 m), welche sich unterhalb des Fußes des Piz Buin befindet. Am nächsten Tag wartet bereits einer der ersten Höhepunkte der Weitwanderung: der Lai Blau. Dieser kleine Bergsee befindet sich einige hundert Höhenmeter oberhalb der Schutzhütte Chamonna Tuoi CAS. Entlang der Westflanke wandert man weiter bis zur Alp Sura, wo man sich für den langen Abstieg nach Ardez stärken kann. Den Abschluss des Tages macht ein Spaziergang durch den Ort, der seit hunderten von Jahren von Bränden und Naturkatastrophen verschont geblieben ist und darum mit einem besonders intakten Dorfbild bezaubert.
Nach diesem Auftakt folgt am nächsten Tag bereits eine der anspruchsvollsten Etappen. Mit dem Bus gelangt man via Scuol an der Grenze des einzigen Nationalparkes der Schweiz nach S-charl. In dem gleichnamigen Tal wacht ein geschnitzter Bär auf einem Podest über den Brunnen und der Platz erinnert daran, dass in diesem Tal 1904 der letzte Braunbär der Schweiz erlegt worden ist. In S-charl empfiehlt es sich nochmals die Trinkflaschen zu füllen, da nun einer der längsten Anstiege der Weitwanderung wartet: 1.000 Höhenmeter sind es bis zur Fuorcla Sesvenna (2.800 m), einem der höchsten Übergänge im Schweizer Wanderland und Grenze zu Südtirol. Mitten in dieser schroffen Berglandschaft der Sesvennagruppe liegen der Furkel- und Sesvennasee. Wenige Höhenmeter unterhalb des Passes liegt das Ziel dieser Etappe: die AVS-Sesvennahütte (2.252 m). Optional lohnt die Gipfelbesteigung des Föllakopfes mit einem Panoramablick über das Schliniger Tal und zum nahe gelegenen Ortler, dem höchsten Berg Südtirols.

Weitwanderung Südtiroler Seite
Auf der AVS-Sesvennahütte, geführt von Familie Hilpold, stärken bodenständige Gerichte für den nächsten Wandertag, das Auge verweilt am nahegelegenen Pforzheimer See, in dem sich die Alte Pforzheimer Hütte spiegelt – sie erinnert an die bewegte Geschichte der Alpenvereinsschutzhütten in Südtirol. Im Juli 2024 wird sie nach Renovierungsarbeiten als erste „Kultur-Schutzhütte“ Europas mit Schwerpunkt auf soziokulturelle Nutzung und Persönlichkeitsförderung wiedereröffnet.
Die vierte, streckenmäßig längste Etappe der Weitwanderung verlässt nun vorübergehend das Hochgebirge. Vorbei am beeindruckenden Wasserfall an der „Schwarzen Wand“ führt der Abstieg durch das Schliniger Tal zur Schliniger Alm (mit Käserei). Vorbei am Bergdorf Schlinig leuchten von Weitem die weißen Zwiebeltürme und Mauern des Klosters Marienberg, der höchstgelegenen Benediktinerabtei Europas oberhalb von Burgeis, nahe dem Etappenziel Mals.

Am zweitletzten Tag gelangt man mit dem Citybus ins rätoromanische Haufendorf Matsch auf 1.580 m, seit 2017 Südtirols erstes Bergsteigerdorf. Umgeben von zahleichen 3.000ern der Südlichen Ötztaler Alpen findet sich eine vielfältige Landschaft von artenreichen Trockenrasen bis zum Gletscher. Entlang vom bequemen Waalweg lässt sich der „Ackerwaal“ erleben, der beispielhaft ist für die traditionellen Bewässerungssysteme im trockenen Vinschgau. Durch lichte Lärchenwälder führt der Weg über Serpentinen hinauf zur AVS-Oberetteshütte auf 2.670 m am Fuße der Weisskugel. Seit bald 15 Jahren führen die Hüttenwirte Karin und Edwin Heinisch die Oberetteshütte mustergültig: Die Wirtsleute beziehen eine Großzahl von Produkten von Bauern des Matscher Tals und des Vinschgaus.
Ein letzter steiler Anstieg führt am 6. Tag von der Oberetteshütte bis zu den Saldurseen auf über 3.000 m. Die höchstgelegene Seengruppe Südtirols breitet sich malerisch unter der noch vergletscherten Saldurspitze aus. Jeder See leuchtet in einer anderen Farbe, von kristallklar bis grünlich-türkis. Dann führt der Weg steil hinunter zur Inneren Matscher Alm. Hier kann man über den „Hearasteig“ durch den Lärchenwald zum Wanderparkplatz beim Glieshof (Abfahrt Wandertaxi nach Mals) wandern oder den einfacheren Forstweg wählen.