Neue Bergsteigerdörfer

Austria Nachrichten 2 | 2022

Im Jahr 2021 wurden gleich sechs neue Bergsteigerdörfer in Italien, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet. Damit reicht diese Idee, mit der sich Orte im Alpenraum zu einer nachhaltigen Ausrichtung in ihrem alpintouristischen Angebot, aber auch in ihrer Gemeindeentwicklung verschreiben, nun in die Schweiz und über die Westalpen bis ans Mittelmeer. Auch in Österreich dürfen sich zwei weitere Dörfer Bergsteigerdorf nennen.

Italien

Balme | Piemont
Schiefergedeckte Häuser schmiegen sich um den weithin sichtbaren Kirchturm, als suchten sie Schutz vor der mächtigen Felswand, die sich oberhalb des Dorfes erhebt. Durch ebendiese führt ein spektakulärer Steig – vertikales Labyrinth genannt, der nur ein paar Meter von der Kirche entfernt im Ortszentrum beginnt, auf den Gipfel des Uja di Mondrone (2.964 m). Seit Jahrhunderten spielen die Berge eine zentrale Rolle im Leben von Balme, nicht nur in der kargen Berglandwirtschaft, die Übergänge nach Frankreich und der Alpintourismus haben das Gebiet und seine Bewohner seit jeher geprägt. Seit dem 19. Jahrhundert war und ist Balme ein idealer Ausgangspunkt, um die 3000er der Grajischen Alpen zu besteigen. Weitläufige Hochtäler und so mancher Bergsee bieten auch Wanderern, die nicht ganz so hoch hinauswollen, lohnende Ziele.

Stark von Abwanderung betroffen, setzt Balme, mit knapp 120 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden Italiens, alles daran sich „neu zu erfinden“. Ein naturnaher und umweltschonender Alpintourismus steht hier im Zentrum der Bemühungen. Unbedingt erwähnt werden muss, dass sich Balme stark für Inklusion im Bergsport einsetzt und in den letzten Jahren viele Angebote in freier Natur für Menschen mit besonderen Bedürfnissen geschaffen hat.

Triora | Ligurien
Die engen, mittelalterlichen Gassen von Triora lassen einen sofort nach Ankunft auf Erkundungstour gehen und die ersten, gar nicht so wenigen Höhenmeter innerhalb des Bergsteigerdorfes absolvieren. Entlang der unzähligen Terrassen, die einst landwirtschaftlich genutzt wurden, führen schattige Wanderwege zu den umliegenden Fraktionen. Oberhalb des Argentina-Tals dominiert der Gipfel des Monte Saccarello (2.200 m) die Silhouette. An klaren Tagen lässt sich von seinem Gipfel das Mittelmeer und sogar die Küste Korsikas sehen. In atemberaubender Weise wurde der „Weg der Gebirgsjäger“ durch die steil abfallenden Felswände des Monte Toraggio und Monte Pietravecchia gehauen. Kehren wir noch einmal ins Tal zurück zur kleinen Fraktion Realdo. Einem Adlerhorst gleich, liegt sie oberhalb einer Felswand. Ihr sollte unbedingt ein Besuch und etwas Zeit gewidmet werden!

Stärkung bietet die „cucina bianca“, die „weiße“ und typische Küche der ligurischen Alpen. Auf der Grundlage von Mehl, Kartoffeln und Käse, die mit Gemüse und Fleisch verfeinert werden, entstehen so schmackhafte und gehaltvolle Gerichte, bei denen der Genuss ebenfalls nicht zu kurz kommt. Der Reichtum von Triora sind seine Kontraste und zusätzlich gibt es drei gute „botanische Gründe“ für einen Besuch: Weinreben, Kastanien- und Olivenbäume wachsen in diesem Bergsteigerdorf!

Schweiz

St. Antönien | Graubünden
Dieser Name lässt die Augen von Schitouren-Liebhaber*innen funkeln. Überquerungen aus dem Montafon und Touren auf Rotspitz (2.517 m) oder Sulzfluh (2.817 m), die mit ihrem Felsmassiv eher unbezwingbar scheint, sind nur wenige Beispiele, die dem Dorf den Ruf eines Skitoureneldorados eingebracht haben. Auch im Sommer ist St. Antönien für zahlreiche Bergerlebnisse bekannt. Hier trifft heller Kalkstein auf dunkles, kristallines Silvrettagestein – das freut Kletterer, die die abenteuerlichen und griffigen Klettergärten und Mehrseillängen in allen Schwierigkeitsgraden zu schätzen wissen, ebenso wie Naturliebhaber*innen, die die Flora begeistert. Seine Ursprünglichkeit als Walsersiedlung hat sich der Ort bewahrt, nicht zuletzt, weil die Topographie nur kaum weitere Siedlungsentwicklung zulässt. Zu steil sind die Hänge des Rätikons hier – Lawinen und Murenabgänge prägen die Geschichte des Hochtals. Seit den 1950-Jahren finden sich an den Hängen des Chüenihorns, Tschatschuggen und am Eggberg Lawinenverbauungen. Nicht nur das beeinflusst das Landschaftsbild, auch jahrhundertelange bergbäuerliche Arbeit gestaltete die heute typische Kulturlandschaft. Trockenwiesen und Trockensteinmauern sind darin integriert und bieten wertvolle Lebensräume für Fauna und Flora.

Lavin, Guarda & Ardez | Unterengadin
Die Dörfer Lavin, Guarda und Ardez liegen im Unterengadin im Kanton Graubünden, ganz im Osten der Schweiz. Das romanischsprachige Unterengadin, romanisch Engiadina Bassa, wird vom Inn durchflossen und grenzt an Österreich und Italien. Eindrückliche Bergriesen wie der Piz Linard, das Verstanclahorn und der Piz Buin trennen das Engadin vom Paznauntal im Norden. Auf der südlichen Talseite von Lavin und Guarda erhebt sich auf 2.600 m die Seenplatte Macun als Teil des bereits 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalparks, ein Wildnisgebiet der höchsten Schutzklasse. Doch nicht nur die Bergwelt, sondern auch die Dörfer im Tal beeindrucken. Während Lavin nach einem Dorfbrand 1869 im Baustil „Italianità“ wiederaufgebaut wurde, ist Guarda als Heimat des Schweizer Kinderbuchcharackters „Schellen-Ursli“ ein beeindruckendes Beispiel für Denkmalschutz und die typischen Engadinerhäuser mit Sgraffiti-Stucktechnik. Und auch in Ardez mit der Schlossruine Steinsberg findet man in den engen Gassen die typische Architektur. Dass es in der Schweiz auch nicht an gutem Essen und Trinken mangelt, muss man nicht erwähnen. Aber man sei gewarnt: der Apero auf der Schutzhütte verführt dann eher zum Bleiben als zum Weitergehen.

Österreich

Göriach | Salzburger Lungau
„Paradiese sind klein“ – dieser Spruch begleitet bei einem Besuch in Göriach. Zum einen als Logo der Gemeinde, zum anderen als Gedanke, der bei der Jause an den Landawirseen mit Rundumblick in die Gipfel des Talschlusses (und Genuss von Göriacher Käse!), beim Aufstieg auf den Samspitz (2.381 m) oder beim Spaziergang durch das Landschaftsschutzgebiet im hinteren Teil des Tales schon mal kommt. Bekannt ist der Ort für das Hüttendorf am Talboden des Talschlusses, ein Almensemble, das auch Startpunkt für viele der Bergtouren in die Niederen Tauern ist. Der höchste Berg des Lungaus, der Hochgolling (2.863 m), ist von hier aus in ca. 3 ½ Stunden erzwungen. Neben vielseitigen Wanderwegen gibt es auch Mountainbikestrecken, von gemütlich bis zur Hansalhütte im Talschluss bis sportlich mit der Mehrtagestour „Lungau extrem“. Im Winter sind der Gumma (2.316 m) und die Gensgitsch (2.279 m) variantenreiche Skitourenberge. Das Lungau gilt als die Region mit den meisten Sonnenstunden im Winter in Österreich, was auch im Tal beim Langlaufen und Winterwandern ausgekostet werden kann.

Göriach ist Teil des UNESCO-Biosphärenparks Lungau. Grünlandwirtschaft und Forstwirtschaft prägen die Landschaft im Tal. Auf die hier erzeugten, hochwertigen Lebensmittel ist man besonders stolz – mehrfach prämierter Käse, Milchprodukte, Edelbrände, Marmelade oder Honig sind ab Hof erhältlich.

Steinberg am Rofan | Tirol
Dorfgemeinschaft wird in Steinbach hochgehalten und gelebt. Hier, am „schönsten Ende der Welt“ hat die Bevölkerung bereits vor einigen Jahren aus eigener Motivation einen Wertekatalog definiert, nach dem sich das Dorf ausrichten solle – und die Philosophie der Bergsteigerdörfer passt zu Steinberg und den Steinbergern. Und umgekehrt! Eingebettet in eine satte Natur- und Kulturlandschaft, die nahe des touristisch stark genutzten Achensees fast schon überrascht, begeistert Steinberg ab dem ersten Moment. Erreicht man aus dem Wald kommend das Hochplateau, tut sich eine wunderbare Bergwelt auf. Der markante Guffert (2.194 m) ist nicht nur ein grandioser Aussichtsberg. Das ganze Rofangebirge ist bekannt für seine Kletterrouten und zog schon Kletterpioniere wie Hans Fiechtl, Hans Dülfer, Hias Rebitsch, Hermann Buhl und Peter Habeler an. Auch der Adlerweg-Weitwanderweg führt durch das Bergsteigerdorf und insgesamt gibt es für jede Jahreszeit Aktivitäten für unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Denn wer zwischen Klettern und Langlaufen, Bergsteigen und Skitour, Wandern und Schneeschuhgehen noch Abwechslung sucht, findet durch das lebhafte Vereinsleben viele Veranstaltungen – und auch Einkehren kann man in der 300 Bewohner Gemeinde ganz ausgezeichnet.