DAV, 14. Oktober 2019

12. Jahrestagung der Bergsteigerdörfer 2019

Der Bergwald im bunten Herbstlaub, auf den Gipfeln von Watzmann, Hochkalter und Reiteralm der erste Schnee, hoch über allem ein Himmel von reinstem Blau: Zur 12. Internationalen Jahrestagung der Bergsteigerdörfer hatte das Berchtesgadener Land sein Postkartengewand angelegt. Erstmals fand die Veranstaltung in Deutsch­land statt. Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Öster­reich, Südtirol, Italien und Slowenien waren ins erste deutsche Bergsteigerdorf Ramsau gereist, um über die mögliche Zukunft der Initiative zu reden.

29 Bergsteigerdörfer - 4 Länder - 1 gemeinsame Zukunft

Vertreten waren Bäuerinnen und Gastwirte ebenso wie Bürgermeister, Behörden oder die Alpenkonvention. Deren Generalsekretärin, Alenka Smerkolj, sagte: „Durch die Bergsteigerdörfer wird die Alpenkonvention mit Leben gefüllt. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir wirklich etwas verändern.“ DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher setzte in seiner Begrüßung genau da an: „Wie können Naturschutz, nachhaltige Entwicklung und Tourismus in Einklang gebracht werden? Das ist eine wachsende Herausforderung. Bei den Bergsteigerdörfern ist mir da aber nicht bang. Insbesondere, weil ich sehe, dass hier viele Protagonisten der Bergsteigerdörfer aus vier Ländern zusammenkommen, um an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.“

Die Elite der Bescheidenheit

Mittlerweile umfasst das Netzwerk 29 Bergsteigerdörfer in vier Ländern: eine „Elite der Bescheidenheit“, wie Moderator Georg Bayerle bei der Eröffnung sagte. Von „mustergültigen Entwicklungskernen“ sprach dagegen Marion Appold aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium. Umweltminister Thorsten Glauber ergänzte, „Bergsteigerdörfer sind Vorzeigeorte für den sanften Tourismus in den Alpen. Ich setze darauf, dass sich weitere Alpendörfer der Initiative anschließen.“ Gleichzeitig erteilte er einem ungebremsten Tourismus eine klare Absage: „No Limits darf es auch in den Bergen nicht geben. Insbesondere angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel brauchen die Alpen Entwicklungschancen, die gleichzeitig Natur und Landschaft bewahren.“

Jens Badura, Leiter des berg_kulturbüros in Ramsau, gab zu bedenken, dass auch ein sanfter Tourismus nicht mehr sanft sei, wenn zu viele ihn ausübten. „Das“ Bergsteigerdorf gebe es außerdem nicht, dazu sei die Gemeinschaft viel zu heterogen: Günstig gelegene Orte nahe dem Alpenrand mit guter Infrastruktur stehen sehr kleine, abgelegene Gemeinden, etwa am Fuß der Karawanken oder im hohen Norden der Steiermark, gegenüber. Wo in den einen bereits ans Limitieren gedacht wird, sind andere zwingend auf Wachstum angewiesen. In diesem Spannungsfeld bewegten sich die drei Themen-Workshops am Samstagvormittag. Es wurde intensiv diskutiert.

Nachhaltiger Tourismus

Sehr schnell fiel das Stichwort „Overtourism“. Gerade die vier bayerischen Bergsteigerdörfer Kreuth, Sachrang, Schleching und Ramsau liegen in „bester“ Naherholungs-Distanz. Eine Kreutherin: „An Wochenenden werden wir überrollt.“ Bergsteigerdörfer, da war man sich einig, sollen nicht massentauglich sein, sondern auf dem alpinen Tourismusmarkt weiterhin eine Nische besetzen. Doch auch dort stellen sich dieselben drängenden Fragen, etwa: Wie macht man Tourismus (wieder) für Einheimische attraktiv – und für einen Arbeitsmarkt, auf dem Jobs in Hotellerie und Gastronomie immer schwerer zu vermitteln sind?

Nachhaltige Regionalentwicklung

Der von vielen Teilnehmenden konstatierte „Verkehrskollaps“ betrifft nicht nur den Freizeitbereich. Er lenkt den Blick aber auf ein Problemfeld, das sich im Verlauf der Tagung als zentral herausstellte: das in weiten Bereichen völlig unzureichende Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr. Hier besteht vielleicht der größte politische Handlungsbedarf. Viel stärker müsse auch vermittelt werden, dass Bergsteigerdörfer nicht einfach nur eine weitere touristische Marke sind. Was sie bezwecken, ist in erster Linie eine eigenständige Regionalentwicklung des ländlichen Raums und die dauerhafte Erhaltung attraktiver Lebensbedingungen für die einheimische Bevölkerung. Wozu gehört, dass junge Menschen in attraktiven Regionen erst mal bezahlbaren Wohnraum finden müssen.

Bergsport im Wandel

Wir werden nicht gefragt, ob wir eine Bike-Region sein wollen, wir sind es!“ Diese Aussage einer Touristikerin macht deutlich, dass Bergsport-Trends an Bergsteigerdörfern nicht vorbeigehen – wie auch? Tourismus- und Sportartikelindustrie prägen im Verbund mit klassischen und sozialen Medien (Youtube, Instagram) das Bild von zunehmender Geschwindigkeit und Technisierung. Auch der um sich greifende Egoismus von Sportlern, die keine Ruhezonen und -zeiten respektieren, macht vor Bergsteigerdörfern nicht Halt. Umweltminister Glauber betonte: „Wir brauchen Lösungen für ein konfliktfreies Miteinander in den Bergen.“ Hier kommt auch den alpinen Vereinen mit ihren Instrumenten der Steuerung und Lenkung besondere Bedeutung zu.

Die Zukunft der Bergsteigerdörfer

Wie es nun weitergeht mit den Bergsteigerdörfern? Der weitere Erfolg der Marke wird davon abhängen, dass man ihren Wert konsequent schützt – nicht nur durch die bestehenden strengen Qualitätskriterien, sondern auch durch eine laufende Qualitätskontrolle. Hier besteht noch Handlungsbedarf. Jens Badura, Leiter das Ramsauer berg_kulturbüros: „Nur zu sagen, wir sind die Guten, wird nicht reichen.“

Jahrestagung 2020? Lungiarü!

Und wo soll die Reise für die nächste Jahrestagung hin gehen? Beim Festabend wurde das Geheimnis gelüftet: nächstes Jahr wird der Alpenverein Südtirol die Tagung ausrichten, Gastgeber ist das kleine ladinische Dorf Lungiarü.

Wir freuen uns auf eine spannende Tagung in den Dolomiten!

Deutscher Alpenverein (DAV)