Weniger ist genug
20 Jahre Idee der Bergsteigerdörfer
Vor 20 Jahren entstand im Alpenverein die Idee der Bergsteigerdörfer. „Klein und fein“ sollten sie sein. Sie bieten eine Perspektive für Dorfgemeinschaften in den Alpen.
„Wieder so ein Ende der Welt.“ Als der Profi-Bergsteiger Walter Laserer für den Podcast der Bergsteigerdörfer die Gemeinde Lunz am See in Niederösterreich besucht, denkt der Mann, der als erster Österreicher auf allen Seven Summits war, dreimal am Mount Everest und mehrmals in der Antarktis, beim Aussteigen in Lunz am See an das Ende der Welt.
Dabei ist die kleine Gemeinde gar nicht so abgelegen. Von Wien aus ist sie in zweieinhalb Stunden öffentlich zu erreichen. Mit dem Bau der Eisenbahn wurde Lunz am See zum Naherholungsgebiet für Sommerfrischler aus der Hauptstadt. Wegen des Lunzer Sees natürlich und des 1.878 m hohen Dürrensteins, der sich im Süden des Ybbstales erhebt und anspruchsvolle Wanderungen bietet. Damals war Lunz am See ein beliebtes Ausflugsziel. Noch in den 1970er Jahren hatte die Gemeinde bis zu 80.000 Nächtigungen im Jahr – allerdings nicht lange. Die Ansprüche an Gästebetten stiegen, Erholung in der Ferne war immer leichter zu bekommen. Die Nächtigungen gingen rapide zurück.
Seitdem hat das Dorf ein Fünftel seiner Bevölkerung verloren. Etliche Häuser wurden zu Zweitwohnsitzen – mit zumeist dunklen Fensterscheiben. Da kam eine Idee des Alpenvereins gerade recht: die Initiative der Bergsteigerdörfer. Ex-Bürgermeister Martin Ploderer erinnert sich im Podcast: „Der Erstkontakt war der Besuch von Roland Kals. Mich hat damals beeindruckt: der Zugang zur Natur, die Konzentration auf die Qualitäten, die das Dorf hat. Und es war eine der wenigen Initiativen, wo nicht im zweiten Satz schon die Kosten am Tisch waren, sondern man gemeinsam mit anderen ausgewählten Ortschaften ein eigenes Ziel verfolgt.“
Das Ziel der Bergsteigerdörfer ist es, Ortschaften ohne Massentourismus eine Perspektive zu geben. Raus aus der Spirale des Immer-mehr oder Immer-weniger. Stattdessen ein stabiler Weg, der es einer Gemeinde ermöglicht, gut zu leben und ihre Identität zu wahren. Erfunden wurde die Initiative im Alpenverein: „Wir haben oft das Image, dass wir gegen alles sind“, erzählt mir der erwähnte Roland Kals später: „Es ist nicht besonders lustig. Auf der einen Seite notwendig, aber trotzdem anstrengend und irgendwie blöd.“ Roland Kals, Raumplaner und langjähriger Vorsitzender der Sektion Salzburg, war von Anfang an bei der Initiative der Bergsteigerdörfer dabei. Sie stammt allerdings nicht von ihm, sondern von Peter Haßlacher, dem mittlerweile verstorbenen ehemaligen Leiter der Abteilung Raumplanung und Naturschutz im Alpenverein: „Irgendwann hat der Peter mal den Geistesblitz gehabt und gesagt, der Alpenverein war doch schon einmal so eine Art Geburtshelfer einer vernünftigen ökonomischen Entwicklung im Alpenraum“, erzählt Kals: „Das ist lange her – 150 Jahre.“
Damals übernimmt der Geistliche Franz Senn die Kuratie St. Jakob in Vent und fasst den Entschluss, den Lebensstandard der Bevölkerung durch Förderung der Bergbauern und des Fremdenverkehrs anzuheben – durch den Bau von Wegen, Steigen und Schutzhütten. Damit habe Senn für damalige Verhältnisse einen „ökonomischen Turbo“ gezündet, erzählt Roland Kals. Rund 150 Jahre später sollten kleine alpine Gemeinschaften wie Lunz am See wieder vom Wirken des Alpenvereins profitieren. Peter Haßlacher hatte die Idee, eine Marke von Bergsteigerdörfern zu gründen, die hält, was österreichische Werbesujets seit Jahrzehnten versprechen: Erholung in intakter Natur und das Erleben authentischer Dorfgemeinschaft. Roland Kals war anfangs noch skeptisch: „Da habe ich gesagt: Peter, das gibt’s nimmer. Das ist vorbei.“ Doch Peter Haßlacher war überzeugt und Roland Kals musste sich eben etwas einfallen lassen.
2006 veröffentlicht der Alpenverein eine der ersten Broschüren über „kleine und feine Bergsteigerdörfer“. Mit dabei: klingende Ortsnamen wie Vent, Kals am Großglockner und eben auch Lunz am See. Dass die niederösterreichische Gemeinde bei den Bergsteigerdörfern vertreten ist, verdankt sie dem Dürrenstein, der ihr ganze 1.272 Meter Reliefunterschied einbringt. Denn 1.000 Meter Höhenunterschied müssen für ein echtes Bergsteigerdorf eben sein; aber das ist längst nicht alles, sagt Ex-Bürgermeister Martin Ploderer: „Man kann ganz grob sagen: Konzentration auf die eigenen Stärken, keine großtechnologischen Erschließungen, die Natur mit Respekt behandeln. Das hat mich persönlich sehr beeindruckt, weil ich selber auch gerne in den Bergen unterwegs bin.“
Für Lunz am See sind die Leitlinien der Bergsteigerdörfer bis heute zentral für die Gesamtstrategie des Ortes. Dazu kommen weitere Projekte: Das neue Haus der Wildnis informiert über den größten Urwald der Alpen, den Rothwald, der zum Teil im Gemeindegebiet steht. Der „Wassercluster“, eine Forschungseinrichtung dreier Universitäten, bringt Studierende und Universitätspersonal in den Ort; die Seebühne bietet Raum für Konzerte.
Seit den Nullerjahren verzeichnet Lunz wieder ein sanftes Wachstum und auch die Nächtigungen gehen nach oben. Für eine kleine Gemeinde kann das lebenswichtig sein. Martin Ploderer: „Das bedeutet, dass es ein gescheites Lebensmittelgeschäft gibt, dass es einen Kindergarten gibt, eine Volksschule, Hauptschule. Und solange das in einem Ort, in einem Dorf gut funktioniert, haben wir die Chance, die Jugend zu halten und vielleicht sogar einige wieder aus der Stadt zurückzubekommen.“
Die Marke der Bergsteigerdörfer kann einem Dorf neue Gäste bringen, sie kann es aber auch vor Gästen schützen. Das ist nämlich die Kehrseite des Ungleichgewichts im Tourismus. Dass manche Orte viel zu wenig haben und andere Orte viel zu viel. In den Dolomiten zum Beispiel: „Das St. Ulrich meiner Kindheit war ein Ort, der in einem guten Gleichgewicht zwischen touristischer Aktivität und Lebensqualität stand.“ Élide Mussner, 41 Jahre alt, ist Co-Vorsitzende der Grünen in Südtirol und in St. Ulrich im Grödnertal aufgewachsen. St. Ulrich ist heute ein Zentrum des Tourismus in den Dolomiten. Von hier führen die Seilbahnen auf die Seceda und auf die Seiser Alm. Und von hier dröhnen im Sommer jeden Tag Hunderte Sportwagen und Motorradgruppen über das Grödner Joch. Ohrenbetäubender Lärm. Jeden Tag.
Als ich Élide bitte, mir vom St. Ulrich ihrer Kindheit zu erzählen, schickt sie mir eine 13-minütige Sprachnachricht. Darin erzählt sie von Dorfgemeinschaft, von Gästen, die zwei oder drei Wochen bleiben. Vom Café Demetz am Dorfplatz, in dem live zu Giorgio Moroder getanzt wurde und das heute ein Sportartikelgeschäft ist. Sie erzählt, dass sie beim Spazierengehen niemals den künstlichen Thymiangeruch eines nahegelegenen Resorts in der Nase hatte. Und dass die Einheimischen sich heute aus dem Zentrum zurückziehen. Kein Kinderschuhgeschäft mehr, kein Lederwarengeschäft, kein Treffen am Dorfplatz: „Ich habe jetzt praktisch nie mehr dieses Gemeinschaftsgefühl – wo man eine Aktivität macht, nur für uns Bürgerinnen und nicht aus touristischen Zwecken.“
2021 sprach sie sich als Gemeinderätin der Gemeinde Alta Badia gegen eine Bewerbung zur Ski-WM 2029 aus. Weil man an einem Punkt sei, an dem es nicht mehr darum gehe, Tourismus aufzubauen, sondern darum, das Bestehende zu erhalten und zu schonen. Das war natürlich umstritten. Der Gemeinderat von Alta Badia entschied sich jedoch schließlich gegen die Bewerbung, die jetzt im norwegischen Narvik ausgetragen wird. Für Élide bleibt eine grundsätzliche Frage trotzdem noch unbeantwortet: „Ich habe oft das Gefühl, dass wir Angst haben, dass wir zu wenig sind. Und da liegt auch die Schwierigkeit. Also, wie erzählen wir uns? Erzählen wir uns als Produkt? Kommt, wir haben dies und jenes anzubieten? Oder erzählen wir uns als Menschen, die hier leben? Wer sind wir eigentlich? Und was gefällt uns eigentlich?“
Drei Busse weiter sieht die Welt ganz anders aus. Lungiarü ist eine 600-Einwohner-Gemeinde im benachbarten Gadertal. Weiß verputzte Häuser mit Obergeschossen aus Lärche gruppieren sich hier um einen spitzen Kirchturm. Ein paar Höfe liegen wie Schwalbennester am Berghang. Gleich dahinter ragen die atemberaubenden Gipfel der Puez-Geißlergruppe. Als ich ankomme, haben die Kinder der Volksschule gerade Pause. Außer ihrem Lachen höre ich nichts:
„Wir haben eben Kindergarten und Volksschule bis zur fünften Klasse. Zurzeit, glaube ich, sind es 45 Kinder in der Volksschule, also gut besucht. Wir sterben nicht aus“, sagt Christoph Alfreider und lacht. Der 61-Jährige ist laut eigener Angabe der „Dorfkosmetiker“ der Gemeinde Lungiarü, also derjenige, der das Ortsbild pflegt. Wir treffen uns am kleinen Hauptplatz, und er zeigt mir den Ort.
Lungiarü liegt in einem Talschluss, in einem Seitental des Gadertals. Hier gibt es einen Kindergarten, eine Volksschule, ein paar Unterkünfte für Gäste – und Natur, soweit das Auge reicht. Gleich hinter den Bergkämmen dagegen liegen die Zentren des internationalen Hotspot-Tourismus: Seceda, Pragser Wildsee, Seiser Alm, die Drei Zinnen. Christoph Alfreider: „Wir haben eine touristische Alternative gesucht. Man hat sich Gedanken gemacht, was man eigentlich tun kann, damit Lungiarü sich ein bisschen abhebt und trotzdem nicht von den umliegenden Dörfern globalisiert wird.“
Gefunden haben Christoph und sein Nachbar Giovanni Costa die Initiative der Bergsteigerdörfer des Österreichischen Alpenvereins. Sie ist mittlerweile weit über die Grenzen Österreichs hinausgewachsen. 2015 ist Ramsau bei Berchtesgaden als erste deutsche Gemeinde zu den Bergsteigerdörfern gekommen. 2017 folgten Italien mit Matsch im Vinschgau und Slowenien mit Jezersko zwischen Steiner Alpen und Karawanken. 2021 wurde St. Antönien, das höchstgelegene Dorf der Gemeinde Luzein in Graubünden, zum ersten Schweizer Bergsteigerdorf. Mittlerweile gibt es 43 Bergsteigerdörfer, 22 davon in Österreich. Die Initiative wächst – aber auch das im Sinne der Bergsteigerdörfer nicht unbegrenzt, sagt Roland Kals:
„Das heißt, dass wir nicht unendlich wachsen werden, sollen und auch nicht wollen. Wir wollen insgesamt eine exklusive Initiative bleiben.“ Bei den Bergsteigerdörfern ist jeder nationale alpine Verein für seine Dörfer verantwortlich. Allein aus administrativen Gründen kann deshalb nur eine begrenzte Zahl an Ortschaften hinzukommen und betreut werden. Aber ein bisschen geht vielleicht schon noch. Roland Kals: „Wobei wir uns noch nie so richtig darauf verständigt haben: Wo ist denn dann Schluss?“
Ein Bergsteigerdorf, das später hinzugekommen ist, ist St. Jodok, Schmirn- und Valsertal im Tiroler Wipptal: „Wir haben uns beworben, mussten das ganze Prozedere durchlaufen und haben dann die Zusage bekommen. Das war 2011 und damals war richtige Aufbruchstimmung!“ Helga Beermeister ist Geschäftsführerin im Tourismusverband Wipptal. Begonnen hat sie 1986 – vor 40 Jahren. Sie hat in dieser Zeit Höhen und Tiefen einer Region miterlebt, die nur wenig auf große touristische Infrastrukturangebote gesetzt hat: „Gerade in den 80er-, 90er-Jahren hat es schon Stimmen gegeben, dass man im Wipptal alles verschlafen hätte.“
Dass die fünf Seitentäler des Wipptals, – Schmirn, Vals, Obernberg, Navis und Gschnitz – vergleichsweise wenig besucht sind, wurde von einigen Bewohner:innen lange als Manko gesehen. Die Erkenntnis, welchen Schatz man mit der eigenen Natur hat, kam erst später – auch mit der Initiative der Bergsteigerdörfer. Helga Beermeister: „Das Selbstbewusstsein der Leute, die touristisch gearbeitet haben, wurde gestärkt. Und im zweiten Schritt waren sie wieder mutig und haben investiert. Sogar die Privatzimmervermieter haben dann wieder begonnen in Qualität zu investieren.“
Heute hat St. Jodok, Schmirn- und Valsertal seine Nächtigungen verdoppelt, ohne dass wirklich neue Betriebe dazugekommen wären. Allerdings hat das auch ein echtes Commitment erfordert: „Die Gemeinden mussten damals unterschreiben, dass sie gegen eine Anbindung ins hintere Zillertal sind“, erzählt Beermeister. Im Raum stand ein Tunnel, der das hintere Schmirntal mit Hintertux verbunden hätte: „Wenn man einen Anschluss an ein Gletscherskigebiet hat, wäre es möglich gewesen, dass sich dann auch Hotels angesiedelt hätten. Allerdings wäre das für uns eine extreme Verkehrsbelastung gewesen“ sagt Beermeister. „So hat man die Tür zugemacht.“
Die eigene Lebensqualität gegen Gewinne aus dem Massentourismus abzuwägen, ist eine Entscheidung, die jede Gemeinde für sich treffen muss. Es kann auch nicht jede Siedlung in den Alpen ein Bergsteigerdorf werden. Aber es gibt einen Weg zwischen Immer-mehr und Immer-weniger. Es gibt Werte jenseits der reinen Wertschöpfung, die einen Ort lebenswert machen und ihm eine Zukunft geben – genauso, wie es eine Form der Wertschöpfung geben kann, die einem Ort genau diese Zukunft nimmt. Wie wir diese Werte gewichten, entscheidet letztlich über unseren Lebensraum Alpen.

