Das verborgene Tal
Ursprünglich, eindrücklich und voller Geschichten
Wo das Rovana-Tal endet und die Berge den Horizont formen, öffnet sich in Campo Vallemaggia eine Welt voller Ruhe und überraschender Architektur – eine Einladung, in die südalpine Kultur einzutauchen.
Das Postauto windet sich in zahlreichen Serpentinen die steile Bergflanke hinauf, begleitet vom leisen Rauschen der Rovana di Campo, die tief in der Schlucht verborgen ins Maggia-Tal hinabfließt. Plötzlich durchbricht das typische „Düü-da-do” die Stille – gerade rechtzeitig vor einer unübersichtlichen Kurve. Man spürt sofort: der Fahrer kennt die Strecke wie seine Westentasche, sonst ließe sich die enge Kehre kaum ohne vorsichtiges Vor- und Zurücksetzen meistern.
Immer wieder öffnen sich Ausblicke auf kleine Weiler: helle Sonneninseln im dichten Laubmischwald. Hinter Niva (955 Meter) und Piano di Campo (1.172 m) weitet sich das Tal plötzlich. Auf grünen Wiesen, eingerahmt von Bergahorn- und Lärchenwäldern, liegen der Hauptort Campo (1.314 m) und das Dorf Cimalmotto (1.405 m). Verstreute Tessiner Steinhäuser, malerische Kirchen und überraschend stattliche Palazzi, die man in diesem wilden Talschluss kaum erwarten würde, prägen das Bild.
Aus der Welt ins Tal gebracht
In der ländlichen, bergigen Umgebung von Campo Vallemaggia überrascht die Präsenz eleganter Herrenhäuser und fein gestalteter Sakralbauten. Die Kirche San Bernardo, vermutlich aus dem 14. Jahrhundert, beherbergt bedeutende Wandmalereien von Giuseppe Mattia Borgnis aus den 1750er-Jahren. Derselbe Künstler prägte auch weitere Bauten der Region: die Kirchen von Cimalmotto und Niva, die barocke Kapelle San Giovanni Battista sowie die aufwendig verzierten Fassaden der Palazzi Pedrazzini.
Diese Architektur erzählt von mehr als handwerklichem Können. Sie zeugt vom Unternehmergeist der Bewohner:innen über Generationen und von einem tief verwurzelten Glauben, der im harten Alltag Halt, Trost und Hoffnung bot. Über Jahrhunderte war die Gemeinschaft von Abwanderung geprägt – zunächst saisonal, später zunehmend dauerhaft. Knappe Ressourcen und die Suche nach neuen Einkommensquellen führte viele in die Ferne. Der wirtschaftliche Erfolg von Handelsunternehmen im Ausland und die enge Verbundenheit einzelner Familien mit ihrer Heimat spiegeln sich in den Bauten wider. Sie brachten eine für einen so abgelegenen Talschluss erstaunlich raffinierte Architektur hervor, die schon damals Bewunderung fand. „Sie sind ein Ausdruck unserer Kultur, kostbare Elemente, die auch heute noch einen großen Reiz ausüben”, erklärt Martino Pedrazzini, der Vorsitzende der örtlichen Bürgergemeinde.
Auf schiefem Grund
Während sich manche Besucher:innen über die schiefe Treppe in der Gästeinformation von Campo wundern, fallen aufmerksamen Beobachter:innen bald auch die geneigten Mauern vieler Häuser auf. Selbst die Kirche blieb nicht verschont: In etwas mehr als einem Jahrhundert verschob sie sich horizontal um 31 Meter und sank gleichzeitig um 7 Meter ab. Verformungen und Schäden an Einrichtung und Dekoration waren die Folge.
Ursache dieser sichtbaren Schieflage sind Hangrutschungen, die dem Dorf über lange Zeit stark zugesetzt haben. Die Rovana nagte am Fuß der Terrassen, die einst durch einen Bergsturz entstanden waren und auf denen Campo und Cimalmotto liegen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stellten diese Bewegungen die Gemeinde auf eine harte Probe – über Jahrzehnte hinweg zählten sie zu den bedeutendsten geologischen Phänomenen Europas.
Fast 150 Jahre lang waren Inspektionen, Studien, Gutachten und zahlreiche Lösungsansätze nötig, bis der massive Hangrutsch Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Bau eines Entwässerungsstollens schließlich gestoppt werden konnte. Heute gilt der Hang als stabilisiert. Doch die Geschichte bleibt sichtbar: schiefe Häuser, tiefe Risse im Mauerwerk und unebene Steinböden, die den Eindruck vermitteln, als schwanke die Welt unter den Füßen.
Trotz der Herausforderungen, die die Hangrutschungen über Jahrzehnte mit sich brachten, hat sich die Gemeinde nicht entmutigen lassen. Im Gegenteil: Die Bewohner:innen haben sich zusammengeschlossen, um Wege, Gebäude und Landschaft zu pflegen – und so die Schönheit, Geschichte und Lebensfähigkeit ihres Tals zu bewahren. Dieses Engagement prägt Campo Vallemaggia noch heute und macht es zu einem Ort, an dem Tradition, Natur und nachhaltige Entwicklung Hand in Hand gehen.
Vom Engagement der Menschen getragen
Auf den ersten Blick wirkt Campo Vallemaggia nicht wie ein typisches Bergsteigerdorf. Nur rund 50 Personen leben dauerhaft in der Gemeinde, die Einkaufsmöglichkeiten und das Angebot an Unterkünften ist beschränkt.
Doch gerade diese kleine Gemeinschaft hält das Dorf lebendig. „Den Ausschlag, dass Campo Vallemaggia ein Bergsteigerdorf wurde, gab das große Engagement der Personen, die hier zuhause oder fest mit dem Ort verbunden sind und sich tatkräftig einsetzen”, erklärt Julia Isler, Projektverantwortliche Bergsteigerdörfer beim Schweizer Alpen-Club SAC. Dazu kommen die intakte Landschaft, der dörfliche Charakter und die vielfältigen naturnahen Bergsportmöglichkeiten.
Durch dichte Laubmischwälder in den unteren Lagen, lichte Lärchenwälder, alpine Weiden und steinige Brachen zieht sich ein dichtes Netz an Wegen, unterbrochen von kleinen ländlichen Steinbauten. Sie erzählen von der intensiven Nutzung und Pflege jedes Winkels des Gebiets durch Generationen der lokalen Gemeinschaft. Ein Erbe, das mit dem Einbruch der Moderne und der damit verbundenen Abwanderung in die Städte fast verloren gegangen wäre. Martino Pedrazzini erklärt: „Die Landschaft ist unsere wichtigste Ressource, die wir ständig pflegen.”
Mit viel Einsatz und Leidenschaft werden die zahlreichen Projekte umgesetzt. Erst kürzlich wurden etwa die Lärchenwälder der Alpe Quadrella aufgelichtet, so dass hier wieder Kühe weiden. Die berühmte Mauer am Pizzo Bombögn wurde renoviert und die monumentalen Kastanienbäume von Niva sorgfältig geschnitten, damit sie noch Jahrzehnte das Bild des Weilers prägen. Die Renovierung der Ställe in Piemantìu im Valle di Sfille wurde im letzten Jahr abgeschlossen: symbolträchtige und repräsentative Bauwerke, die die kulturelle Identität und Werte des Tals bewahren – und Besucher:innen anziehen, die dies zu schätzen wissen.
Die Gemeinde Campo Vallemaggia, bestehend aus dem Hauptort Campo und den drei Weilern Cimalmotto, Pian di Campo und Niva, liegen am Ende des Rovana-Tals.
Bergtouren, Geschichten und Gaumenfreuden
Die gepflegten Wege und die abwechslungsreiche Landschaft machen Campo und seine drei Weiler auch zu einem geeigneten Ausgangspunkt für Bergabenteuer. Am Ende des Rovana-Tals eröffnet sich eine Vielzahl an Tourenmöglichkeiten.
Cimalmotto ist beispielsweise Etappenort des anspruchsvollen Höhenweges Via Alta Vallemaggia. Auch der ausgedehnte Kessel der Alpe Cravairola lädt zu spannenden Gipfelzielen ein. Eine Besonderheit dabei: Der Talschluss gehört geografisch bereits zu Italien, ist aber durch hohe Bergkämme vom Antigoriotal abgetrennt. Früher versorgten sich italienische Älpler und Grenzwächter in der Schweiz mit Lebensmitteln und es wird so manche Schmugglergeschichte rund um Zucker, Kaffee und Tabak erzählt.
Kulturgeschichtlich interessante Ziele sind auch der Specksteinlehrpfad, der den Spuren der einstigen Handwerker folgt, sowie die eindrückliche „Ziegenmauer” auf der Kammlinie des Pizzo Bombögn. Diese wurde einst errichtet, um die Aufforstungen zum Schutz vor Erosion vor hungrigen Ziegen zu schützen. Typisch für die Region sind auch die aus Holz gefertigten „Torbe” mit gemauertem Sockel, die als Speicher für Roggen dienten. Ein Besuch in Campo Vallemaggia wäre unvollständig, ohne den typischen Vallemaggia-Käse zu kosten. Er wird auf den 3 lokalen Bauernhöfen aus Ziegen- und Kuhmilch hergestellt und ist in deren Hofläden erhältlich. Im Sommer lohnt sich zudem ein Abstecher zur Alpe Sfille oder zur Alpe Magnello, wo man dem Senn bei seiner Arbeit über die Schulter schauen kann.
Tourentipps
Auf dem Weg von Linescio nach Cimalmotto gibt es entlang des rot-weißen Wanderwegs historische Trockenmauern und den ältesten Kastanienbaum des Tales zu entdecken. Oberhalb der Kirche in Linescio führt eine Treppe hinauf bis zu den letzten Häusern, von dort geht es durch schattigen Laubmischwald das Rovana-Tal hinein in Richtung des Weilers Camvera, wo der älteste Kastanienbaum des Vallemaggia steht. Weiter durch den Kastanienwald gelangt man bis Cerentino und Pedipiodi. Nach einem leichten Abstieg erreicht man Niva, den ersten Weiler des Bergsteigerdorfes. Eindrückliche Kastanienbäume laden zur Rast ein. Weiter geht es zum Weiler Piano di Campo mit wettergegerbten „Torbe”, bevor der letzte Weiler der Wanderung, Campo Vallamaggia, mit seinen eindrücklichen Palazzi erreicht wird. Die Kirche ist einen Besuch wert.
Alternative: Start in Pedipiodi, nach Niva, Abstieg zum Fluss Rovana, via Barbóm, Francia, Casèla nach Piano di Campo und weiter nach Campo Vallemaggia, Cimalmotto.
Tour auf alpenvereinaktiv.com – siehe rechte Spalte
Von Cimalmotto führt der Weg zunächst weiter ins Rovana-Tal hinein in Richtung italienischer Grenze. Bei Piano della Stufa zweigt der Weg rechts ab und steigt bald in stetigem Zickzack durch den Wald die 400 Höhenmeter zur Alpe Magnello hinauf. Die Gruppe typischer Tessiner Steinhäuser liegt auf 1.808 m an der italienischen Grenze und ist eine der wenigen noch aktiven Almen im Vallemaggia-Tal. Im Sommer kann man bei der Käseherstellung zuschauen und frische Produkte genießen. Auf dem Rückweg quert man den Ri di Magnello und kehrt anschließend über Fontanella nach Cimalmotto zurück.
Tour auf alpenvereinaktiv.com – siehe rechte Spalte
Weitere Tourentipps: www.bergsteigerdoerfer.org/campo-vallemaggia

