"Kein schöneres Gebiet"

Lauenen liegt im Berner Oberland, im Louwenetal. Rund die Hälfte des Gemeindegebiets steht unter Naturschutz. Ein Abstecher in die ursprüngliche Gebirgslandschaft – begleitet vom Lauener Bergführer Daniel Oehrli.

Die Schwemmebene im Rottal bezeichnet Daniel Oehrli als Kraftort. Auf rund 2100 Metern über Meer erstreckt sich eine ünerwartet ebene Fläche. Mehrere Wasserläufe ziehen sich durch das lockere Gestein, dazwischen liegen verstreut grosse Felsblöcke, deren Herkunft Rätsel aufgibt. Heute ist der Platz menschenleer. In Kürze öffnet jedoch die nahe gelegene Geltenhütte des SAC, nur wenige Gehminuten entfernt. Dann kommen wieder mehr Besucher*innen hierher – auch für Aktivitäten wie z.B. Yoga, erzählt Oehrli. Steinmänner und aus Steinen gelegte Figuren sind stille Spuren früherer Gäste.

Daniel Oehrli ist in Lauenen aufgewachsen und lebt noch immer im Dorf – zusammen mit seiner Frau Ruth Oehrli, der amtierenden Gemeindepräsidentin. Trotz Pensionsalter arbeitet er gelegentlich weiterhin als Bergführer und begleitet Gäste auf die umliegenden Gipfel. Auf dem Weg zur Geltenhütte zeigt er nach links: «Da habe ich meine Bienen.» Auf der anderen Seite liegt sein Jagdrevier, wo er im Herbst auf Hochjagd geht. Die Gegend kennt er wie seine Westentasche – und er vertritt sie mit Überzeugung. «Ich bin viel auf der Welt herumgekommen, aber es gibt kein schöneres Gebiet als dieses hier», sagt er.

Dank seiner Erfahrung als Bergführer und seiner Ortskenntnis gehörte Daniel Oehrli zum fünfköpfigen Team, das in Innsbruck die Kandidatur von Lauenen als Bergsteigerdorf präsentierte. «Da wurden auch kritische Fragen gestellt», erinnert er sich. Etwa zum Gebirgslandeplatz auf dem Wildhorn an der Grenze zwischen Lauenen und Ayent im Wallis. Auch die Nähe zum mondänen Gstaad kam zur Sprache.

Die Bauvorschrift, dass Häuser im Tal mit Holz verkleidet sein müssen, prägt das Dorfbild und die Streusiedlungen mit einem einheitlichen Chaletstil. Die Gemeinde mit rund 850 Einwohnerinnen und Einwohnern hat sich zudem ihre Eigenständigkeit bewahrt. Vom Dorf führt nur eine schmale Strasse weiter ins Tal zum Louwenesee. Weder eine grosse Bergbahn noch andere Infrastrukturbauten sind vorhanden – beides Ausschlusskriterien für das Netzwerk der Bergsteigerdörfer. «Das verdanken wir der Weitsicht unserer Vorfahren», sagt Oehrli. Er erinnert an ein Projekt, nach dem das Wasser des Gältebachs einst durch einen Stollen in den Sanetsch-Stausee hätte geleitet werden sollen. Wäre es realisiert worden, gäbe es den Gälteschutz – einen Wasserfall, der sich auf dem Weg zur Geltenhütte über mehrere Stufen ergiesst – heute nicht mehr.

Stattdessen wurde das Gebiet vom Louwinensee bis zum Wildhorn, zum Arpelistock und zum Spitzhore Ende der 1960er-Jahre unter Schutz gestellt. Es gehört seither zum kantonalen Naturschutzgebiet Gelten-Iffigen sowie zum gleichnamigen Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung (BLN). Grundlage für die Aufnahme ins BLN waren unter anderem die beiden Louweneseen mit ihren Flach- und Hochmooren sowie das vielfältige Vorfeld des Gältegletschers mit der Schwemmebene im Rottal. Heute steht fast die Hälfte des Gemeindegebiets unter Naturschutz – und konnte so ihre Ursprünglichkeit bewahren.

Wasser prägt die Landschaft in besonderem Maß. Nicht nur der Gältebach stürzt sich als Wasserfall über die Felsen, auch der Tungelbach bildet mit dem Tungelschutz ein eindrucksvolles Naturbild. Immer wieder kreuzt der Wanderweg gurgelnde Bäche. Auch im Rottal ist das Rauschen allgegenwärtig. Über rund 200 Meter stürzt das Schmelzwasser des Gältegletschers in die Tiefe und zeichnet sich vor der dunklen Felswand als weisser Streifen ab. Über den Gältegletscher führen Hochtourenrouten auf die Dreitausender Gältehore und Wildhorn, während der ebenfalls über 3000 Meter hohe Arpelistock über einen Alpinwanderweg erreichbar ist.

Oehrli weiss auch, wo die schönsten Blumen wachsen. Trollblumen, Teufelskrallen und Alpen-Anemonen gehören dazu; Edelweiss und Männertreu vervollständigen für ihn die alpine Wiese. Und was erhofft sich Lauenen von der Auszeichnung als Bergsteigerdorf? «Seit der Coronapandemie hat der Tourismus massiv zugenommen», erklärt Oehrli. Vieles konzentriere sich auf die bekannten und oft besungenen Louweneseen. Doch die Zufahrtsstrasse ist schmal, der Parkplatz klein. «Wir möchten den Tourismus lenken», betont er. Die Idee der Bergsteigerdörfer passe dazu gut.