Campo Vallemaggia

Am Ende des Rovana-Tals, umrahmt von den hohen Gipfeln der Tessiner (genauer Lepontinischer) Alpen, liegt Campo Vallemaggia – ein guter Ort, um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft inmitten unberührter Natur zu schöpfen.

Zu Fuß die südalpine Kultur entdecken

Die schmale Bergstraße windet sich in zahlreichen Serpentinen die steile Flanke des Maggiatals hinauf. Immer wieder geben die Bäume des dichten Laubmischwalds Ausblicke auf das Tal des Flusses Rovana frei. Hinter den Weilern Niva (955 m) und Piano di Campo (1.172 m) öffnet sich das Tal: Umgeben von Wiesen, Bergahorn- und Lärchenwäldern liegen der Hauptort Campo (1.314 m) und das kleine Dorf Cimalmotto (1.405 m).

Campo Vallemaggia zeichnet eine besondere landschaftliche Charakteristik aus, die die durch zahlreiche Elemente der südalpinen Kultur geprägt ist. Von den vier Dörfern aus führen kleine Wege durch grüne Weiden und gepflegte Wälder zu alten Steinhäusern und interessanten Felsformationen. Das dichte Wegnetz zeugt von der intensiven Nutzung und Pflege des Gebiets durch die lokale Gemeinschaft. Ein Erbe, das mit dem Einbruch der Moderne und der damit verbundenen Abwanderung in die Städte fast verloren gegangen wäre. Martino Pedrazzini, der Vorsitzende der örtlichen Bürgergemeinde, erklärt: „Die Landschaft ist unsere wichtigste Ressource, die wir ständig pflegen“. Mit großem Einsatz und viel Leidenschaft werden Wege und Gebäude instand gehalten. Doch dort, wo die Natur sich Terrassen und Karrenwege zurückerobert, entstehen geheimnisvolle Orte, die die Erinnerung an die Vergangenheit lebendig halten.

Eine weltoffene Gemeinschaft

In Campo trifft man auf elegante Herrenhäuser und religiöse Gebäuden, die man in dieser ländlichen, gebirgigen Umgebung kaum erwartet. Diese Kulturlandschaft erzählt vom Unternehmergeist, der die Bewohner*innen über Generationen geprägt hat, sowie von einem tiefverwurzelten Glauben, der im Alltag Trost und Hoffnung spendete. Aufgrund des demografischen Drucks und der Notwendigkeit, neue Einkommensquellen zu erschließen, waren die Ortschaften über Jahrhunderte hinweg von Abwanderung betroffen – zunächst saisonal, später zunehmend dauerhaft.

Der wirtschaftliche Erfolg der Ausgewanderten und die anhaltende Verbundenheit einiger Familien mit ihrer Heimat ließen herrschaftliche Gebäude entstehen, die damals wie heute Bewunderung hervorrufen. „Sie sind Ausdruck unserer Kultur, kostbare Elemente, die auch heute noch einen großen Reiz ausüben“, erklärt Martino Pedrazzini.

Eine außergewöhnliche Ingenieursleistung

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Gemeinde auf eine harte Probe gestellt. Durch ungünstige geologische Faktoren, steigendem artesischem Druck und großflächigen Rodungen am Hangfuß von Campo und Cimalmotto wurde ein massiver Hangrutsch ausgelöst. Dieser geologische Prozess zählte über viele Jahre zu den bedeutendsten seiner Art in Europa. Fast 150 Jahre lang waren Inspektionen, umfassende Studien, Gutachten und verschiedene Lösungsansätze nötig, bis 1992 ein 2 km langer Entwässerungsstollen realisiert werden konnte, der schließlich eine Stabilisierung des Untergrunds sicherstellte. Doch die Spuren des Hangrutschs sind noch deutlich sichtbar: In etwas mehr als einem Jahrhundert hat sich etwa die Kirche horizontal um 31 m und vertikal um 7 m verschoben, was zu Verformungen und Schäden an Gebäude und Einrichtung führte. Oder, wie Pedrazzini sich erinnert: “Dank des menschlichen Eingriffs hat sich das Phänomen beruhigt. Wer die Auswirkungen verstehen möchte, sollte die schiefe Treppe im Patrizierhaus von Campo hinabsteigen, wo sich auch die Touristeninformation befindet.”

Campo Vallemaggia – eine kleine Welt voller Entdeckungen

Ob im Sommer zu Fuß oder mit dem Fahrrad, im Winter auf Schneeschuhen oder Tourenski – Campo Vallemaggia bietet schier unendliche Möglichkeiten, die alpine Landschaft sowie die besondere Kultur zu entdecken.

Autor: Timo Cadlolo

Timo Cadlolo ist Geograf mit einem Masterabschluss in Wirtschaft und Kommunikation. Während seines Studiums interessierte er sich besonders für die wirtschaftliche Entwicklung durch den Tourismus, ein zentrales Thema für die Berg- und Randregionen des Kantons Tessin, die unter Entvölkerung leiden. Während seiner beruflichen Laufbahn sammelte er wichtige Erfahrungen in der Privatwirtschaft und bei Ticino Turismo. Seit 2018 koordiniert er den lokalen Entwicklungsplan, der von den Gemeinden des Vallemaggia mit Unterstützung der Regionalpolitik gefördert wird und beschäftigt sich insbesondere mit der Nachhaltigkeit von Tourismusprojekten. Sein Herz hängt an Campo Vallemaggia, der Heimatgemeinde seiner Großmutter.