Valle Onsernone
Ein geschichtsträchtiges Tal voller Nostalgie und Träume
2 Täler, 10 Dörfer, etwas mehr als 660 Einheimische, 10.000 Hektar meist bewaldet: Das ist das Valle Onsernone – das erste Bergsteigerdorf im Tessin und ein einzigartiger Ort, an dem Geschichte, Natur und Traditionen in Harmonie nebeneinander bestehen.
Das Valle Onsernone liegt im Bezirk Locarno und erstreckt sich zwischen dem Maggiatal im Norden, der Gemeinde Terre di Pedemonte im Osten und dem Centovalli im Süden über 20 Kilometer in Ost-West-Richtung bis zur italienischen Grenze.
Harmonie und Zeugen einer anderen Zeit
„Benvenuti in Onsernone“. Das erste Schild wirkt noch ein wenig verblasst, das zweite überzeugt dann doch. Sobald sich eine der seltenen Möglichkeiten bietet, schauen wir von der kurvigen Straße auf. Die prachtvoll erhaltenen Dörfer des Onsernonetals schmiegen sich malerisch an den Südhang, hoch über dem Fluss Isorno, der sich tief in das Tal eingekerbt hat.
Mit engen Treppenwegen, gepflasterten Gassen, Balkons, verzierten Fassaden und in den Himmel ragenden Glockentürmen bewahren die Dörfer die Harmonie einer anderen Zeit. Heute wirken sie wie Perlen, eingefasst vom weiten Grün der dichten Wälder. Da, wo sich heute zur richtigen Jahreszeit Pilze und Kastanien finden lassen, wurde auf Weiden und Terrassen einst Roggen für die Strohproduktion angebaut. Die daraus hergestellten Strohhüte waren im 19. Jahrhundert ein regelrechter Exportschlager und verschafften dem Tal in ganz Europa Bekanntheit. Die Strohflechterei, an die das Gemeindewappen mit den Weizenähren bis heute erinnert, sicherte – zusammen mit Ackerbau, Viehzucht und der Nutzung der Wälder – dem Tal jahrhundertelang einen gewissen Wohlstand. Davon zeugen noch heute die stattlichen Herrenhäuser und die Kunst- und Kulturschätze in den Kirchen, sowie die renovierte Mühle in Loco, wo heute Polentagriess gemahlen wird.
Gelebte Tradition
Nach der Einstellung der Strohherstellung und der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wanderten die Einwohner:innen nicht mehr nur saisonal, sondern dauerhaft über den Gotthardpass oder in die städtischen Zentren des Tessins ab, und immer mehr Menschen gingen dazu über, regelmäßig zu pendeln.
Trotz der Abwanderung – ein Phänomen, welches vielen Alpentälern zu schaffen macht – blieb Onsernone weiter mit seiner handwerklichen und landwirtschaftlichen Geschichte verbunden und seine Einwohner:innen setzen heute die Tradition mit innovativem Geist weiter fort. So werden im Atelier der Vereinigung Pagliarte in Berzona, Strohhüte und andere aus Stroh gefertigte Kunsthandwerksobjekte hergestellt. In Vergeletto wird die „Farina Bóna” hergestellt, ein geröstetes Maismehl, das den Duft des Dorfes prägt und in verschiedenen lokalen kulinarischen Spezialitäten verwendet wird. Die einheimische Delikatesse ist inzwischen sogar ein Slow Food Presidio.
Ein paradiesischer Winkel
Das Onsernonetal hat sich heute einem naturnahen, nachhaltigen und wertschöpfenden Tourismus verschrieben. Im Laufe der Zeit hat dieses Tal Kunstschaffende und Intellektuelle wie Max Frisch, Golo Mann und Alfred Andersch angezogen, die sich in diesem paradiesischen Winkel zu ihren Werken inspirieren ließen. Heute ist das Onsernonetal ein beliebtes Reiseziel für Natur- und Wanderbegeisterte. Die Auszeichnung zum Bergsteigerdorf soll es ermöglichen, diesem faszinierenden Ort die nötige Bekanntheit zu verschaffen, indem Lebensqualität, Wirtschaft und Ökologie ins Gleichgewicht gebracht werden.
Tourentipps
Die Felswände mit ihrem kompakten Gneis in den Gebieten Paleria und Pizzo della Croce bieten Herausforderungen zum Klettern, während die zahlreichen Wege Wandernde durch Naturschutzgebiete mit atemberaubenden Aussichten führen. Die Alpe Saléi, die mit einer kurzen Seilbahnfahrt zu erreichen ist, ist ein idealer Ausgangspunkt für die Erkundung der umliegenden Gipfel und bietet einen spektakulären Blick auf das Tal. Wer Zeit und Lust hat, kann die Via Alta della Valle Maggia begehen, eine der eindrucksvollsten Gratwanderungen der Schweiz.
An versteckten Rustici und Wasserfällen vorbei führen alte Pfade hinauf auf die Alpe Salei und den Pizzo Zucchero. Der Blick schweift über dichte Wälder und in die Weite bis zum Lago Maggiore.
- Schwierigkeit: mittel (T2/T3)
- Dauer: 5:20 h
- Länge: 12 km
- Aufstieg: ca. 1150 Hm
- Abstieg: ca. 1100 Hm
Ausgangs- und Endpunkt dieser anspruchsvollen Rundwanderung ist Vergeletto (gut mit dem Bus erreichbar), das durch seine Mühle sowie die hier produzierte Farina Bóna bekannt ist. Die asphaltierte Straße führt zunächst zum Pascolo dell’Oviga, von wo der Bergweg startet.
- Schwierigkeit: mittel
- Dauer: 7,15 Std.
- Länge: 17,7 km
- Auf- und Abstieg: 1.402 hm
Beim Weiler Pièi wird der Weg steiler, Buchen und Birken spenden im Sommer angenehmen Schatten. Auf der Alpe di Naccio erheben sich majestätische Lärchen, die im Herbst eine goldene Färbung annehmen. Ein kurzer mit einer Kette gesicherter Abschnitt erleichtert den Übergang. Eine alpine Landschaft und ein atemberaubender Panoramablick auf die umliegenden Gipfel krönen die Ankunft bei der Selbstversorgerhütte Capanna Ribia (Juni-Oktober). Von der Hütte aus sieht man den „Uomo Tondo“, den großen Steinsoldaten, an dem man bei der Querung zur Alpe di Categn vorbeikommt. Der Abstieg nach Vergeletto führt dem Fluss entlang durch die wildromantischen Täler Fümegn und Camana.

